Seit 1972

Filmpreis Globale Perspektiven 2022

Produktionsfirmen, TV-Redaktionen, Verleih-Firmen, Filmhochschulen sowie Filmautor:innen haben rund 120 Produktionen für das Kino, Fernsehen und Web eingereicht. die nach dem 1. Januar 2020 hergestellt wurden. Dazu gehören alle Bewegtbildformen, die im Rahmen der nicht gewerblichen Film- und Bildungsarbeit gezeigt werden können. Mit dem Filmpreis würdigt eine Fachjury Filmemacher:innen, deren Werke überzeugend auf Lebenswirklichkeiten in den Ländern des Globalen aufmerksam machen und dem Publikum einen Perspektivenwechsel ermöglichen.

Die Verleihung des Filmpreis Globale Perspektiven fand am Samstag, 17. September 2022 im Haus am Dom, Domplatz 3, Frankfurt am Main, statt.

Die Jury

V.l.n.r.: Reinhold T. Schöffel, Bundesverband Jugend und Film, Katja Maurer, Medico International und Shaheen Dill-Riaz, Filmemacher 

Foto: Birgit Schweitzer

 

Vergabe Filmpreis Globale Perspektiven

In Frankfurt wurden am Wochenende im Haus am Dom drei Filmpreise im Rahmen der Tagung Filmtage Globale Perspektiven verliehen. „The Other Side of the River“ setzte sich mit dem Filmpreis Globale Perspektiven durch. Der Dokumentarfilm zeigt die 19-jährige Hala, die – einer arrangierten Ehe entkommen – bei einer kurdischen Frauenverteidigungseinheit ein neues Zuhause findet. Eine Einheit, die ihre Heimatstadt Minbij vom Islamischen Staat befreit. Für ihre Mitstreiterinnen ist der Feind nicht nur der IS, sondern das Patriarchat im Allgemeinen, mit der (Zwangs) Ehe als ultimativer Unterdrückungsinstitution. Julia Peters von jip-Film & Verleih nahm die Auszeichnung stellvertretend für die Regisseurin Antonia Kilian dankend entgegen.

„Ein Film, der darauf hätte hinauslaufen können, schöne Bilder der Solidarität zu liefern, entwickelt sich zu einem Dokument der komplexen Beziehung zwischen dem Wunsch von Frauen, sich mit aller Radikalität und sofort aus den Unterdrückungsverhältnissen zu befreien, und den politischen Notwendigkeiten eines sozialen Befreiungsprojekts, das sich in einer permanenten existenziellen Gefahr befindet. Kann man das alles in einen Film bekommen? Sogar in einem Film, der sich nicht im Heldinnenepos verliert, sondern uns Zuschauerinnen und Zuschauer teilnehmen lässt an den Kämpfen und Konflikten seiner Protagonistinnen? Ja, das gelingt.”, so die Jurybegründung.

Die Jury, bestehend aus Katja Maurer, Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Medico International, dem Filmemacher Shaheen Dill-Riaz und Reinhold T. Schöffel, Geschäftsführer des Bundesverbands Jugend und Film, haben insgesamt drei Filme ausgezeichnet und eine besondere Empfehlung im Sinne des Globalen Lernens ausgesprochen. Produktionsfirmen, TV-Redaktionen, Verleih-Firmen, Filmhochschulen sowie Filmautor:innen hatten im Vorfeld rund 120 Produktionen eingereicht, 20 der Filme wurden nominiert und bei der viertägigen Veranstaltung „Filmtage Globale Perspektiven“ gezeigt.

 

Filmpreis Globales Lernen

Der Filmpreis Globales Lernen geht an einen Film, der sich in besonderer Weise Themen im Sinne des interkulturellen und Globalen Lernens widmet. Dieses Jahr wurde: „Lift Like a Girl – Stark wie ein Mädchen“ von Mayye Zayed prämiert, ein Dokumentarfilm über eine junge Gewichtheberin in Ägypten, die trotz materieller Armut und sozialer Anfeindungen von ihrem Trainer immer wieder zu Hochleistungen animiert wird.

Die Jurybegründung lautet: „Mädchen und junge Frauen sind es auch, die uns ein ungewohntes Bild vom Leben in ihrem Land vermitteln. Sie haben ein Feld gefunden, das normalerweise den Männern vorgehalten bleibt, das sie sich aber selbstbewusst erobern. Der Filmemacherin gelingt es meisterlich, auf Augenhöhe mit ihren dynamischen Protagonistinnen zu bleiben und ohne viel Worte die komplexen Beziehungen innerhalb der Gruppe und ihrer Betreuer zu vermitteln. “

 

Die besondere Empfehlung

Eine besondere Empfehlung zur Nutzung des Films im Sinne des interkulturellen und globalen Lernens sprach die Jury für den Film „Unter uns Frauen – Geburt in Megendi“ von Sarah Noa Bozenhardt und Daniel Abate Tilahun aus. Im Dorf Megendi in Äthiopien ist die Geburtshilfe im Umbruch. Für die Frauen vor Ort stellt sich die große Frage: Wie können wir werdende Mütter am besten auf ihrem Weg unterstützen?

„In einem Film, der in vorsichtig beobachtenden Bildern die Schönheit und Würde seiner Protagonistinnen, der Landschaft, die Geborgenheit des Gebärens nachzeichnet, und der gar nicht vor hat, etwas zu verändern, gibt die Protagonistin ihrem Leben eine Wendung, die von der Filmemacherin sicher nicht vorhergesehen werden konnte. Die Hauptfigur reflektiert während des Films ihr Leben und beschließt am Ende, sich ihrer ungeliebten Ehe zu entziehen“, so die Jurybegründung.

 

Filmkunstpreis Globale Perspektiven

Der Filmkunstpreis Globale Perspektiven geht an einen Film, dessen formale und künstlerische Qualität in Hinblick auf Kameraarbeit, Drehbuch, filmische Mittel und Recherche als hervorragend bewertet wird. Dieses Jahr wurden Paul Scholten, Conrad Winkler und Matthäus Wörle für den Kurzfilm „Sealand“ ausgezeichnet. Darin wird deutlich, dass die globale Containerschiffahrt auf dem Rücken weniger Seeleute ausgetragen wird. Viele von ihnen stammen von den Philippinen.

Die Jurybegründung lautet: „Der Film setzt seine Ausdrucksmittel sparsam und dafür umso wirksamer ein. Ruhige Bilder des Ozeans wechseln ab mit ungeschnittenen Interviews von Leuten, für die sich sonst kaum jemand interessiert. Gerade dadurch verleiht dieser Film seinen Protagonisten und ihrer gefährlichen Arbeit den Respekt, den sie verdienen. Mit dem Satz, dass 90 % des Welthandels über Containerschiffe abgewickelt wird, macht der Film deutlich, in welcher Schieflage sich unsere Welt befindet.“

In vielen der Filme des Programms zeige sich, dass die Menschen dort, wo keine demokratischen Strukturen existieren, den globalen kapitalistischen Ökonomien ebenso hilflos ausgeliefert sind, wie ihren früheren Kolonialbesatzern, so die Jury. „Aber dennoch gibt es Menschen, die es schaffen, diese Hilflosigkeit zu überwinden, und es ist sicher kein Zufall, dass es im Programm dieser Filmtage fast immer die Frauen sind, die eine Veränderung in Gang setzen. Zu den Filmen insgesamt fällt auf, dass gerade Frauen als Filmende und als Gefilmte eine wuchtige, geradezu körperliche Präsenz zeigen. Das Selbstbewusstsein dieser Frauen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden setzt sich in Szene durch sein politisches Begehren und durch eine Körperlichkeit, die auf die eigene Stärke abzielt und nicht auf den männlichen Blick.“

 

Im Fokus

50 Jahre Dokumentarfilme über den Globalen Süden

Freitag, 16. September 2022, 18.30 Uhr
Haus am Dom

Zum 50. Jubiläum der Filmtage Globale Perspektiven (bis 2017 Fernsehworkshop Entwicklungspolitik) wird auf die Geschichte und Bedeutung der Veranstaltung  zurückgeblickt.

Danach diskutierten unser Ehrengast Peter Heller, Dokumentarfilmer seit 1973, mit Medienvertreter:innen die schwierigen Produktionsbedingungen und die sich wandelnden Distributionswege für Dokumentarfilme über den Globalen Süden. Die Finanzierung von langen Dokumentarfilmen durch Fernsehsender und die Filmförderungen sind für die Produzierenden meist unzureichend und bergen für sie viele Risiken. Können neue Vergütungsregeln hier ausreichend Abhilfe schaffen?

Einführung: Bettina Kocher, ehemalige Geschäftsführerin der AG Fernsehworkshop Entwicklungspolitik
Moderation: Irit Neidhardt, Autorin und Kuratorin
Teilnehmende: Peter Heller, Dokumentarfilmer; Martin Pieper (ZDF), Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der HessenFilm und Medien GmbH

In Kooperation mit der AG DOK – Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e. V.

 

Der unsichtbare Globale Süden:
Auslandsberichterstattung im Fernsehen

Samstag, 17. September 2022, 13.45 Uhr
Haus am Dom

Die Auslandsberichterstattung in der deutschen Medienlandschaft beschränkt sich auf einige wenige Länder und lässt große Teile der Welt faktisch unsichtbar werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine 2022 veröffentlichtes Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung. Die Anzahl der Auslandskorrespondent:innen im Globalen Süden hat in den letzten Jahren ebenso wie die der Sendeplätze im deutschen Fernsehen kontinuierlich abgenommen. Die Korrespondent:innen gehen kaum noch nach „draußen“, um vor Ort die Realitäten der Menschen im globalen Süden etwa in Reportagen abzubilden. Anstatt dessen liegt der Fokus auf eine Stereotype bedienende Krisenberichterstattung. Doch wo liegen mögliche Lösungsansätze?

Einführung und Moderation: Marc Engelhardt, Autor und Auslandskorrespondent
Teilnehmende: Natalia Matter (epd); Klaus Bardenhagen, Auslandskorrespondent in Taipeh

In Kooperation mit der Otto-Brenner-Stiftung

 

Glückwünsche zum 50. Jubiläum

 

Seit 1972 bieten die biennal stattfindenden Filmtage Globale Perspektiven (bis 2017 Fernsehworkshop Entwicklungspolitik) einem Fachpublikum aus der nichtgewerblichen Film- und Bildungsarbeit die Möglichkeit, aktuelle Filmproduktionen über politische und soziale Themen in den Ländern des Globalen Südens zu sichten und zu diskutieren. Bis 2011 hat haben die Teilnehmenden in der Evangelischen Akademie Arnoldshain getagt, seit 2013 im „Haus am Dom“ und der Evangelischen Akademie in Frankfurt am Main.

 

Im Rückblick hat sich nach 50 Jahren die wirtschaftspolitische Situation in den Ländern des globalen Südens wenig geändert. Die Globalisierung und der Klimawandel haben die Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Menschen vor Ort verschlechtert. Die Folge sind Migration und Flucht. Doch auch Gegenbewegungen vor Ort sind Themen in den Filmen, so gründen Menschen im Globalen Süden etwa Firmen und Genossenschaften, um auf lokaler und regionaler Ebene nachhaltig Perspektiven für sich zu schaffen. Filmschaffende begleiten kontinuierlich soziale Bewegungen und den Kampf um Menschenrechte, der sich dank digitaler Netzwerke schneller entwickelt und organisiert. Dazu gehört auch der postkoloniale Diskurs, denn Bewegungen wie „Black Lives Matter“ oder „Rhodes Must Fall“ zirkulieren global. Frauen solidarisieren sich weltweit und kämpfen um ihre um um ihre Rechte.

 

Trotz Globalisierung und weltumspannender Informationsflüsse kommt diesen Themen in den Medien nicht die Bedeutung zu, die ihnen aufgrund der Weltentwicklung zusteht. Der Blick auf den Globalen Süden ist stark von Medien- und Filmbildern geprägt. Diese Bilder kritisch zu hinterfragen, innovative Projekte vorzustellen und Kriterien für eine sachgerechte und qualitativ anspruchsvolle Darstellung zu diskutieren, ist Aufgabe der Filmtage Globale Perspektiven.

Ab 2001 konnten wir alle zwei Jahre den von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen ausgelobten Eine-Welt-Filmpreis NRW mit den jeweiligen Fachminister*innen überreichen. Der letzte Eine-Welt-Filmpreis NRW konnte 2017 verliehen werden. Seit 2020 vergeben wir den Filmpreis Globale Perspektiven.

Seit 2020 würdigt eine Fachjury Filmemacher*innen, deren Werke künstlerisch überzeugend auf Lebenswirklichkeiten und Perspektiven in den Ländern des Globalen Südens aufmerksam machen.